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1992/05/09
Basler Magazin
Christian Scholz
Der schöne Schrecken
Kunst im 20. Jahrhundert
Nach 1945 trumpft die Kunst umfänglich erst wieder mit der 68er Bewegung schockierend auf. Etwa in der Pop-Art. Etwa mit den Bildtafeln eines Roy Lichtensteins. Seine Arbeiten, wie auch die anderer Pop-Artisten, tendieren indes zu einer Ästhetisierung des Schreckens. Zitatförmig nimmt Lichtenstein etwa Comic-Motive vom Krieg auf. Doch die Darstellung oszilliert zwischen Wohlgefallen an der Szenerie und Kritik an der Szenerie. Ähnlich ambivalent erscheinen die zahlreichen Drucke von Andy Warhol zum Thema "Kennedy-Mord". Der wirkliche Schrei, Signum einer Vorkriegsepoche, taucht nicht mehr auf. Ausnahme von der Regel sind die Werke von Gottfried Helnwein. Sie zielen nochmals auf die Scham- und Peinlichkeitsschwelle. Oder sie machen aus dem täglichen Schrecken im Fernsehen ein formatfüllendes Standbild, ("Das Wunder I", 1980, "Das Lied I", 1981).
der schöne Schrecken
1992
Otto Dix
Krieger mit Pfeife, 1918, Ausschnitt
Pablo Picasso
Frau im roten Sessel, 1932
Gottfried Helnwein
Das Wunder I, 1980
Roy Lichtenstein
Takka, Takka, 1962
Salvador Dali
Telephon mit Hummer, 1936
(Auszug)
Holde Kunst?
Überraschungen am Rande: Ein Blick in die holde Kunstzene zeigt nämlich, das selbst die Kunst des 20. Jahrhunderts stark auf den Schock gesetzt hat. Allerdings unter eher erhellenden Vorzeichen. Literaten, Maler, Musiker wollten mit dem Erschrecken dem Publikum bewusst etwas Neues nahebringen. Sie wollten, das "mit einem Schlag" etwas klar wird. Sie wollten die Bürgerwelt irritieren. Sie suchten den gesellschaftlichen Skandal.
Man riskierte einen "wahrnehmungssturz", um derarte neue Töne, Sprachen oder Formen vorzustellen. Für viele war der Schreckmoment geradezu tröstlich, weil produktiv. Die gut bekannte Metapher vom "Schönen Schrecken" gehört in einen Kunstbereich, wo sich das Wahrhaftige erst im Augenblick des Bruchs offenbart.
Somit steht die Asthetik nicht immer nur im Zusammenhang mit dem Schönen oder dem augenfällig Lieblichen. Beispiel Picasso: War es zum Jahrhundertanfang kein kräftiger Schock, als der Spanier sein Publikum mit kubistischen Formen überraschte? Mit der Aufsplitterung des Realen? Mit der Aufteilung des bis anhin harmonischen Porträts? Plötzlich prallten in einem Antlitz zusammen: Perspektiven, Proportionen, Partikel. Selbst die Maske oder Fratze wirkte gegen diese Kunst der Rudimente harmlos.
Ebenso schockierend trumpften die Meisterwerke des Surrealismus auf. Auch im Film. Beispiel Luis Bunuel. Zusammen mit Salvador Dali realisierte er 1928 dem Film "Andalusischer Hund". Hier findet sich die berühmte Szene, wie jemand mit einer Klinge ein Menschenauge anschneidet. Das Auge als Schockorgan, ein wahrlich brutales Traumereignis. Aber Bunuel und Dali heben es auf die Leinwand. Weil der Recihtum an inneren Bild-Welten im Wiederspruch stand zu den Ansichten und Moralideen des bürgerlich konditionierten Individuums, war den Surrealisten der Protest sicher.
Die Tendenz zur Erschütterung ist schliesslich auch wiederzufinden bei den russischen Futuristen oder bei den Dadaisten. Collagenförmig wurde Fremdmaterial (Fahrbillet, Stoffetzen, Tapetenstück) oder wurden Zitatmaterialien zusammengefügt (Werbesprüche, Schlagzeilen, Spontanideen). Allen diesen Formen gemeinsam ist der Riss, der Widerspruch, die Konfrontation. Auch hier wieder das Modell des Unfalls, des Zusammenpralls der Elemente.
Eine Steigerung dieser Formkraft erscheint dann inhärent bei den Expressionisten, wie Dix, Kokoschka, Munch. Das Spielerisch-Verträumte der Surrealisten findet inhaltlich dabei eine Drehung! Mit dem Expressionismus rückt der Schrecken des Krieges ins Blickfeld. Die besten Bildtafeln dieser Art sind Erinnerungen und Vorahnungen zugleich. Sie sind Echo des Ersten Weltkrieges und Mahnend-schockierende Vorposten des Zweiten Weltkrieges.
Nach 1945 trumpft die Kunst umfänglich erst wieder mit der 68er Bewegung schockierend auf. Etwa in der Pop-Art. Etwa mit den Bildtafeln eines Roy Lichtensteins. Seine Arbeiten, wie auch die anderer Pop-Artisten, tendieren indes zu einer Ästhetisierung des Schreckens. Zitatförmig nimmt Lichtenstein etwa Comic-Motive vom Krieg auf. Doch die Darstellung oszilliert zwischen Wohlgefallen an der Szenerie und Kritik an der Szenerie. Ähnlich ambivalent erscheinen die zahlreichen Drucke von Andy Warhol zum Thema "Kennedy-Mord".
The Song I
watercolor on cardboard, 1981, 160 x 116 cm / 62 x 45''
Ansonsten hat sich in den neunziger Jahren der “Schöne Schrecken” merklich abgeflacht. Trennlinien sind wie aufgelöst. Geschmeidig verbinden sich heutzutage Elemente aus Mode, PR und Kunst zu einem subventionierten (nicht subversiven) Gesamtkunstwerk. Heute kann überdies kein Minirock mehr einen gesellschaftlichen Skandal evozieren. Eine Sängerin wie Madonna kann sich noch so anstrengen. Ihr Erfolg in Sachen Skandal fällt im Vergleich der sechziger Jahre oder im Vergleich zu damaligen Happenings eher lasch aus.
Es scheint, dass in der Kunst die Tabus almählich genügend verletzt worden sind. Der Spannungsdruck aus Jahrhunderten ist aufgezehrt. Der bürgerlich geprägte Lebensstil ist hinlänglich kritisiert worden. Er fristet nun etwas modifiziert sein Dasein. Im übrigen wissen alle bescheid über die täglichen Umweltbelastungen und möglichen Brände.
Vollständiger Artikel: Archiv, Basler Magazin, 9. Mai 1992




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