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1974/01/01
Magazin Kunst
Wolfgang Längsfeld
Der Tod, das muss ein Wiener sein
Helnwein taucht auf
Die verlorene Unschuld des Realismus. Bei Helnwein wird sie auf abscheulichere, brutalere Weise plausibel als bei unseren Freunden, den Amerikanern, die sich bislang wohlweislich gehütet haben, dem Realismus ihrer reproduzierten Fotos andere als mediale Provokation beizugeben. Helnweins Bilder machen die Leute bei aller Brutalität nicht fertig, er läßt ihnen die Chance, sich aufzulehnen. Da sie die ersten wären, die schreien würden: "Das ist keine Kunst", malt er so vorzüglich. Deshalb sind seine Bilder nicht delikat, sondern unverfroren, rebellisch, Fremdkörper, die sich unter der Haut einnisten.
Einer der Künstler, den die neueröffnete Münchner Jasa-Galerie in ihr Programm aufnehmen will, ist der aufsteigende Schock-Realist Gottfried Helnwein. Unser Münchner Mitarbeiter Wolfgang Längsfeld wurde von den Bildern des jungen Wiener "Makrabristen" zu einer Betrachtung angeregt:
Sonntagskind (Sunday Child)
watercolor, colored pencil and pencil on cardboard, 1972, 102 x 73 cm / 40 x 28''
Das ist lange kein Geheimnis mehr. Die tollsten, die giftigsten, die aberwitzigsten Blüten gedeihen im Sumpf zwischen Grinzing und Prater, zwischen dem Café Hawelka und den Quais des 2. Bezirks. Oder welcher war es gleich wieder? Sie provozieren allein schon durch ihre buntschillernde Existenz. Das milde Lächeln, mit dem sie ihre Ungeheuerlichkeiten vortragen, mit dem sie ihre Sicherheit begleiten, die Ausdruck ihrer ungeheuer perfektionierten Handwerklichkeit ist. Weit und breit niemand, der sagen könnte, der oder der sei ein schlechter Maler. Aber: jene fatale Abhängigkeit von Freud und vom Balkan der Karpathen und der Vampire, diese Lust an den Abgründen der eigenen Seele und am Spiel mit dem Entsetzen, die missionarischen Bedürfnisse, der Kult, die Feierlichkeit, das Absolute jeder Behauptung, so altmeisterlich und wienerisch heutig zugleich, dass der schöne Schauder nur selten ausbleibt.
Die Röte des Rots von Kinderblut.
Guten Morgen, du Sau! Küß die Hand, gnädige Frau, Helnwein taucht auf. 24 Jahre alt, Hausner-Schüler auch er, Provokateur, Realist, Schock-Realist. Ein Hitler-Porträt brachte ihm die alte Garde ins Haus, aber die braunen Verehrer bemerkten nicht, daß ihr längst verblichenes Idol eine dicke Narbe auf der Backe trägt. Glaube macht blind. Gottfried Helnwein sucht die Konfrontation. Die Lehrbuchfotos von mißhandelten Kindern oder mißglückten Operationen sind bloß Dokumente irgendeines anonymen Privatschicksals, die verunstalteten Figuren seiner Bilder schockieren jedermann, weil sie jeden zu treffen imstande sind, weil die realistische Malweise noch immer Verbindlichkeit suggeriert.
Aber die Opfer auf Helnweins Bildern lächeln aus ihren zerstörten oder unschuldigen Physiognomien. Ahnungslos wie jenes kleine Mädchen mit der Blindenbinde am Arm und der Schokolade in der Hand, dem das Blut nach was weiß ich welcher Sauerei zwischen den Beinen herabrinnt. Soll ich sie bemitleiden, wo sie mir doch die Zunge heraussteckt? Wut, Ohnmacht, was provoziert der Zynismus? Was sagt der Künstler, der nichts sagt, der mir nett und brutal den Dicken vorsetzt mit dem Messer in der Faust und den irr aufgeplusterten Backen, die kaum einen Zweifel lassen, was seiner freundlichen Begrüßung (Guten Morgen, du Sau!) folgen wird? Oder was ist jener irritierenden Situation in der Wixergasse voraufgegangen? Oder wo steht dieser Helnwein mit seinem Entwurf zu einem Plakat für die Diskussion zum Abtreibungsparagraphen? Der verstümmelte Fötus spricht gegen den Arzt, er selbst auch; Das Stadium des Aborts spricht gegen alle Vernunft, das ganze Bild spricht ganz oberflächlich für die konservative Position.
Aber Helnwein weist das weit von sich. Er nimmt die Freiheit für sich in Anspruch, nur beunruhigen zu wollen, Diskussionen anzuheizen, Gedanken und Argumente ins Rollen zu bringen. Egal, ob das stimmt oder nicht, es gelingt ihm vorzüglich, menschliche Situationen provokant werden zu lassen. Ein humanistischer Touch in der Brutalität, den die Fotos von Unfällen und Massakern längst nicht mehr provozieren.
Nach dem klinisch reinen, der klinische Fotorealismus; denn das steht kaum in Frage: Technisch sind Helnweins Bilder auf der Höhe der Zeit, ohne Makel, darüber kann sich keine Diskussion entzünden. Eher schon über Ethos und Moral des Künstlers. Aber auch das fällt letztlich angesichts einer Malerei schwer, die mit dem Augenzwinkern der Auguren daherkommt, die schon wissen, wie der Hase läuft. Oder jener Donald mit dem Rucksack und dem Eis am Stil und dem Blut an den Füßen. Die verlorene Unschuld des Realismus. Bei Helnwein wird sie auf abscheulichere, brutalere Weise plausibel als bei unseren Freunden, den Amerikanern, die sich bislang wohlweislich gehütet haben, dem Realismus ihrer reproduzierten Fotos andere als mediale Provokation beizugeben. Helnweins Bilder machen die Leute bei aller Brutalität nicht fertig, er läßt ihnen die Chance, sich aufzulehnen. Da sie die ersten wären, die schreien würden: "Das ist keine Kunst", malt er so vorzüglich. Deshalb sind seine Bilder nicht delikat, sondern unverfroren, rebellisch, Fremdkörper, die sich unter der Haut einnisten.




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