新着情報
2006/03/07
News
Wien
Heinz Sichrovsky
Interview
Wir leben in der Endzeit
Gottfried Helnwein. Der österreichische Kunst-Weltstar, der in Irland und in L.A. lebt, zeigt in Linz seine bildnerische Lebensbilanz: "Face it" - Schockierendes von den siebziger Jahren bis heute.
"Das Erschreckende an der gegenwärtigen Kunstszene ist, dass sie komplett von den Ereignissen in der Welt losgelöst ist. Wenn man sich die gefeierten Künstler heute ansieht, so betreiben die meisten Nabelschau. Sie persiflieren andere Kunstwerke, der Insider-Gag dominiert. Wir leben in einer Endzeit, in der alles zusammenbricht, aber die Kunst reagiert nicht, - sie ist autistisch und isoliert. Das halte ich für katastrophal."
NEWS: Wie sind Sie mit der alten Heimat Österreich verblieben?
NEWS:
Sie werden ihn uns doch nicht nach Irland verschleppen!
Helnwein:
Nein, der gehört nach Österreich. Für ihn gibt es keinen besseren Platz, er sitzt unter den Österreichern wie der Dagobert in seinem Geldspeicher. Bei mir ist es umgekehrt: Ich muß sehr weit weg sein, um Österreich schätzen zu können. Ich habe mich hier immer fremd gefühlt, obwohl meine Kunst total durch die österreichische Tradition geprägt ist. Ich führe mit meiner Familie eine Art Zigeunerdasein, wir wandern immer weiter. Jetzt sind wir allerdings schon seit acht Jahren in Irland, in Tipperary, und es sieht ganz so aus, als hätten wir da eine Art Heimat gefunden. Ich habe mittlerweile neben der österreichischen auch die irische Staatsbürgerschaft.
NEWS:
Was ja auch steuerlich nicht schlecht ist.
Helnwein:
Ja, in den siebziger Jahren hat die Regierung des damals armen Landes begriffen, dass Irland die größten Autoren hervorgebracht hat, dass aber alle weggezogen sind, weil die Umstände so schlecht waren. Deshalb wohnen Künstler jetzt steuerfrei in Irland. Mein zweiter Wohnsitz ist L. A. Downtown, im art district, dort bin ich noch länger. Es war mir aber immer unvorstellbar, Amerikaner zu werden. Ich bin einfach zu europäisch.
NEWS:
Aus Österreich und dann Deutschland wurden Sie ja mit Untergriffen vertrieben.
Helnwein:
Ja, man hat mich attackiert, meine Arbeiten überklebt und beschlagnahmt, kaum, dass ich in Österreich meine ersten Ausstellungen hatte. Eine von Kurt Falk veranstaltete Ausstellung im Pressehaus wurde nach drei Tagen abgehängt, und meine Installation vor dem Museum Ludwig in Köln von Unbekannten mit Messern zerschnitten.
L. A. hingegen ist für mich der beste Platz an dem ich je gearbeitet habe, die am meisten unterschätzte Stadt. 140 ethnische Gruppen von den chassidischen Juden bis zu den Black Moslems leben in hier in relativ friedlicher Anarchie nebeneinander. L. A. ist nicht regierbar, es gibt nicht einmal ein Zentrum.
NEWS:
In einem Bundesstaat, in dem Schwarzenegger einen Delinquenten nach dem anderen umbringen läßt? Kennen Sie ihn?
Helnwein:
Ja, er hat mich erst vor kurzem völlig überraschend in meinem Atelier besucht. Die ganze Straße wurde abgesperrt, überall Bodyguards und Polizei. Ich hatte die Nacht durchgearbeitet war von oben bis unten voll Farbe. Ich bin ein absoluter Gegner der Todesstrafe, aber man muss in Amerika leben, um Amerika zu verstehen. Das ist eine grausame und gnadenlose Gesellschaft. Kein Politiker, nicht einmal Clinton, konnte sich je erfolgreich gegen die Todesstrafe stellen.
Arnold ist eine interessante Mischung: in einigen Bereichen ist er sehr konservativ, in anderen für amerikanische Verhältnisse sehr liberaler und links, wahrscheinlich nicht zuletzt durch den Einfluss seiner Frau.
NEWS:
Wie stehen Sie zu den aktuellen Restitutions-Causen?
Helnwein:
Die Demütigungen, die man Frau Altmann von offizieller Seite hat widerfahren lassen, sind jetzt sehr teuer geworden. Österreich hat am längsten versucht, die Vergangenheit auszusitzen. Kriegsverbrecher sind hier davongekommen, als hätten sie Kavaliersdelikte begangen. Der SS-Mann Friedrich Peter wäre fast Vizekanzler geworden. Erst seit dem Fall Waldheim war man gezwungen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
NEWS:
Den Fall Peter hat Simon Wiesenthal thematisiert. Hatten sie Kontakt zu ihm?
Helnwein:
Ich kannte ihn sehr lang. Ich hatte zur 50. Wiederkehr der Reichskristallnacht im Kölner Dom für das Museum Ludwig eine Installation gemacht. Er schrieb einen Text dazu. Seither waren wir immer im Kontakt. Meine Arbeiten zum Holocaust wurden 2003 im Wiesenthal-Center L. A. ausgestellt. Der zugehörige Film wurde sogar für den Oscar eingereicht und kam unter 500 Short Documentaries an die siebente Stelle. Ich habe Simon Wiesenthal sehr gern gehabt. Er hatte einen guten Humor und war eine erstaunliche Persönlichkeit. Ich war sehr bedrückt, als er gestorben ist.
NEWS:
Nun stehen wir vor der verwirrenden Situation, dass nicht mehr in erster Linie die Neonazis, sondern moslemische Gruppen den Antisemitismus weiterführen. In Teheran gibt es einen Wettbewerb für Holocaust-Karikaturen.
Helnwein:
Es herrscht große Verwirrung. Die dänischen Karikaturen, die den Kampf ausgelöst haben, kommen ja alle von rechts, von Ausländerfeinden. Die Rechten missbrauchen den Begriff der Meinungsfreiheit. Deshalb ist die Reaktion Teherans gar nicht so unintelligent, so zuwider mir dieses Regime sonst ist. Die sagte nämlich: Wir demonstrieren dem Westen, dass er genauso viele Tabus hat wie wir.
Der Holocaust ist unser Verbrechen, das Verbrechen Deutschlands und Österreichs. Der Islam hat damit wirklich nichts zu tun. Sollen die Moslems wegen unserer Schweinereien keine Karikaturen von Juden machen dürfen?
Weshalb sollen sie unsere Tabus respektieren, wenn wir die ihren nicht respektieren?
Übrigens habe ich kürzlich in Israel, wo ich an der Ausstattung für den „Rosenkavalier“ arbeite, in einer Tageszeitung einen Wettbewerb für die bösartigste antisemitische Karikatur gefunden. Das Argument war: Die Christen haben den Moslems eins übergebraten, und die ziehen dafür uns eins über – nicht gerade fair, aber jetzt unterlaufen wir die Debatte, und wir zeigen denen, wenn's um Antisemitismus geht, sind wir immer noch die Experten. Humor ist also auch eine Möglichkeit sich zu wehren. Aber sicher ist, dass wir in eine Zeit der Intoleranz und des Radikalismus treiben. Das wird natürlich geschürt ...
NEWS: Von wem?
Helnwein:
Möglicherweise von jenen, denen die Destabilisierung des Irak nützen könnte, weil sie dann für immer das Land besetzen und das Öl abschöpfen können.
NEWS:
Das heißt, Sie stimmen Norman Finkelstein zu, der in NEWS sagte, der eigentlich verrückte Fanatiker sei Bush?
Helnwein:
Ich habe in den USA mein Atelier und muss wieder zurück. Aber ich fürchte mich vor der aktuellen Regierung, auf die alle wie die Kaninchen auf die Schlange starren, mehr als vor allen islamischen Fanatikern. In Amerika kann seit Bush dank dem "patriot act" jeder auf Geheiß des Präsidenten verhaftet werden, und zwar ohne Angabe von Gründen, ohne Anwalt, auf unbegrenzte Zeit und er kann an einem geheimen Ort festgehalten werde, ohne dass die Familie verständigt werden müsste. Auch Geheimprozesse sind erlaubt, und die Kommunikation wird lückenlos überwacht. Und das Schlimmste ist: Die Bevölkerung hat keine Ahnung davon oder begrüßt das sogar.
NEWS:
Hat sich die Existenz des Künstlers in dieser Zeit verändert?
Helnwein:
Ja. Das Erschreckende an der gegenwärtigen Kunstszene ist, dass sie komplett von den Ereignissen in der Welt losgelöst ist. Wenn man sich die gefeierten Künstler heute ansieht, so betreiben die meisten Nabelschau. Sie persiflieren andere Kunstwerke, der Insider-Gag dominiert. Wir leben in einer Endzeit, in der alles zusammenbricht, aber die Kunst reagiert nicht, - sie ist autistisch und isoliert. Das halte ich für katastrophal.
Lucky Devil (Der Glückspilz)
photograph, 1987




トップに戻る